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Antragsteller:
GV
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| Betrifft: | Saarbrücker Memorandum - Mehr Bildung für alle |
Der LVV möge beschließen:
8 Bildungspolitische Ziele für das Saarland bis 2010
Die Zukunft unserer Gesellschaft hängt in hohem Maße von einer umfassenden Bildung ab. Wirtschaft, Kultur und Sozialstaat werden sich nur dann weiter entwickeln können, wenn alle Menschen ihre Bildungspotenziale optimal entfalten können.
Unser derzeitiges Bildungssystem ist offensichtlich nicht in der Lage Bildungschancen gerecht zu verteilen und Chancenungleichheiten zu beseitigen. Die in der PISA-Studie festgestellte enge Koppelung des Lernerfolgs an die soziale Herkunft ist ein beschämender Beweis für die Unzulänglichkeit des deutschen Bildungssystems. Die Maßnahmen der Kultusminister der Länder zur Verbesserung der Qualität in den Bildungseinrichtungen haben die soziale Schieflage des deutschen Bildungswesens nicht beseitigen können. Angesichts der rasanten Entwicklung der Wissensgesellschaft in einer globalisierten Welt, den Problemen der Demographie und der Migration und einer zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung brauchen wir eine Bildungspolitik, die das Recht auf Bildung für alle verwirklicht. Wir können es uns in Zukunft nicht mehr leisten, Kinder und Jugendliche ohne eine umfassende Bildungsteilhabe zurückzulassen und dadurch Talente zu vergeuden. Eine Gesellschaft mit demografischer Verknappung muss zur Sicherung ihres Wohlstandes und ihres Lebensstandards möglichst allen Menschen eine gute Bildung vermitteln. Dies ist gleichermaßen wichtig, um einer weiteren sozialen Spaltung unserer Gesellschaft entgegen zu wirken.
Ein Bildungssystem kann diesen Anforderungen nur genügen, wenn konkrete Ziele verfolgt werden, deren Erreichbarkeit auch überprüft werden kann.
Das Saarland steht im Vergleich der Bildungsdaten der Bundesländer fast überall auf nur hinteren Rangplätzen. Anstatt im Bildungsbereich besser zu werden, hat sich die Situation im Saarland in den letzten Jahren nochmals verschlechtert.
Die GEW fordert eine Umkehr dieses negativen Trends.
Deshalb formuliert die GEW 8
bildungspolitische Ziele für das Saarland, die bis zum Jahr 2010 vorrangig
erreicht werden müssen.
Bildung von Anfang an
Mehr Ganztagsplätze für Kinder unter drei Jahren
Alle Kinder im Saarland müssen ihre sprachlichen, motorischen, sozialen und
kreativen Fähigkeiten entwickeln können. Deshalb ist ein Ausbau der
ganztägigen frühkindlichen Betreuung dringend erforderlich. Dies ist ebenso
notwendig zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Im Saarland stehen für die rund 25.000 Kinder unter drei Jahren nur rund 700
Ganztagsplätze zur Verfügung. Das sind knapp 3 %, der Bundesdurchschnitt liegt
bei 9 % (Statistisches Bundesamt 2004).
Die GEW fordert bis zum Jahr 2010 eine Verdreifachung des Krippenangebotes zur
ganztägigen Betreuung und Bildung der Kinder unter drei Jahren. Das heißt, um
annähernd die derzeitige durchschnittliche Versorgungsquote aller Bundesländer
zu erreichen, benötigen wir im Saarland mindestens 2.100
Ganztagskrippenplätze.
Schulabschlüsse für alle
Verringerung der Schulabgängerquote ohne Abschluss
Niemand soll die Schule ohne einen Schulabschluss verlassen müssen. Ein
qualifizierter Schulabschluss ist heutzutage die Mindestvoraussetzung für den
Beginn einer erfolgreichen beruflichen Laufbahn. Deshalb müssen alle
Jugendlichen eine Chance erhalten zumindest einen Hauptschulabschluss zu
erwerben. Hierzu sind vorrangig die entsprechenden Rahmenbedingungen im
Bereich des Lehrpersonals, der Lerngruppengrößen, des Förderunterrichtes und
der schulischen Unterstützungssysteme zu schaffen. Darüber hinaus muss die
Diskussion über die Einführung eines integrierten Schulsystems fortgeführt
werden.
Im Saarland verlassen jährlich mehr als 1.000 Schüler/innen das Schulsystem
ohne Hauptschulabschluss. Dies entspricht einer Quote von rund 10 % der
Schulabgänger, der Bundesdurchschnitt liegt bei 9 % (Statistisches Bundesamt
2002/03, Fachserie 11).
Die GEW fordert bis zum Jahr 2010 eine Halbierung der Schulabgängerquote ohne
Abschluss auf lediglich 5 % der Schulentlassenen.
Mehr mittlere und höhere
Schulabschlüsse
Qualitätsverbesserungen in der Schule
Die Anforderungen von Hochschulen, Wirtschaft und Gesellschaft an die
jugendlichen Schulabgänger sind gestiegen. Für die Arbeitsplätze in der
Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts sind zunehmend mittlere und höhere
Schulabschlüsse die Voraussetzung für den Einstieg in eine qualifizierte
berufliche Tätigkeit. Die Zukunft unserer Gesellschaft liegt weder im
Niedriglohnbereich noch in der Masse der Einfacharbeitsplätze. Im ökonomischen
Wettbewerb einer globalisierten Welt können wir dauerhaft nur bestehen, wenn
möglichst viele Menschen ein Höchstmaß an Bildung und Qualifikation erreichen.
Deshalb muss es die Schule schaffen, die Qualität des Unterrichtes zu steigern
und mehr Jugendliche zu fördern, damit sie einen mittleren sowie einen höheren
Schulabschluss erreichen.
Das Saarland liegt im Bundesländervergleich der Schulabschlüsse weit unter dem
Bundesdurchschnitt. Bei der Quote der Schulabgänger mit mittlerem Abschluss
(Realschulabschluss) belegt das Saarland den drittletzten Rangplatz (34,4 %)
von 16 Bundesländern. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 40,5 %.
Bei der Quote der Schulabgänger mit Abitur (allgemeine Hochschulreife) belegt
das Saarland im Vergleich der 16 Bundesländer nur den 12. Platz (22 %) und
liegt ebenfalls unter dem Bundesdurchschnitt (23,5 %) (Statistisches
Bundesamt, Fachserie 11, Schulentlassene 2002/2003).
Die GEW fordert bis zum Jahr 2010 eine Steigerung der Quote der Schulabgänger
mit mittlerem Bildungsabschluss auf 50 %. D.h., jede/r 2. saarländische
Schüler/in soll bis in 5 Jahren einen mittleren Bildungsabschluss erreichen.
Weiterhin fordert die GEW eine Steigerung der Quote der Schulabgänger mit
allgemeiner Hochschulreife auf rund 35 %. D.h., mindestens jede/r 3.
saarländische Schüler/in soll das Abitur erreichen. Im Übrigen entspricht
dieser Wert in etwa der aktuellen Übergangsquote von der Grundschule auf das
Gymnasium.
Fördern statt „Sitzenbleiben“
Sitzenbleiberquote senken
Durch „Sitzenbleiben“ wird die schulische Laufbahn verzögert und in den
meisten Fällen keine Leistungssteigerung erreicht. Der pädagogische Wert des
„Sitzenbleibens“ wird von der Erziehungswissenschaft grundsätzlich in Frage
gestellt. Erfolgreiche Bildungsnationen vermeiden zeitliche Verzögerungen der
Schullaufbahn. „Sitzenbleiben“ ist auch ein Kostenfaktor für das Land (Kosten
pro Schüler pro Jahr) und für die Eltern (bspw. durch eine länger Verweildauer
an der Schule).
Im Saarland blieben im Jahr 2003/04 3.604 Schüler/innen sitzen. Dies
entspricht einer Sitzenbleiberquote von 3,5 %. Damit liegt das Saarland
schlechter als der Bundesdurchschnitt mit
2,9 % „Sitzenbleibern“. Im Ländervergleich der höchsten Sitzenbleiberquoten
erreicht das Saarland den unrühmlichen 6. Rangplatz und zählt zu den 8
Bundesländern mit der höchsten Sitzenbleiberquote in Deutschland
(Statistisches Bundesamt 2003/04, Fachserie 11).
Die GEW fordert, dass bis zum Jahr 2010 die Sitzenbleiberquote auf unter 2,0 %
abgesenkt wird. Hierzu sollen Fördermaßnahmen verstärkt und Modellversuche an
verschiedenen Schulformen eingerichtet werden.
Mehr Förderung von Migrantenkindern
Ausländerquote an Sonderschulen (L) verringern
Ausländische Schüler/innen haben ein doppelt so hohes Risiko auf eine
Sonderschule mit Förderschwerpunkt Lernen zu gehen, wie deutsche
Schüler/innen. Wenn Schüler/innen aus bestimmen Bevölkerungsgruppen häufiger
an Sonderschulen überwiesen werden als andere, dann bedeutet dies, dass sie
aus einer (statistisch) normalen Bildungskarriere herausfallen und dadurch
geringere Bildungs- und Lebenschancen haben. Zudem verschärft sich hierdurch
der Prozess der gesellschaftlichen Spaltung – ganz abgesehen davon, dass wir
es uns immer weniger leisten können auf die Erschließung der
Bildungspotenziale in allen Schichten zu verzichten.
Im Saarland liegt der Anteil von ausländischen Schüler/n/innen an
Sonderschulen (L) besonders hoch und über dem Bundesdurchschnitt. Von
insgesamt 2.179 Schüler/n/innen an Sonderschulen (L) besuchten im Jahr 2002
506 ausländische Schüler/innen die Sonderschulen (L), das entspricht einem
Anteil von 23,2 % und liegt deutlich über den Bundesdurchschnitt (19 %). Im
Vergleich der 16
Bundesländer hat das Saarland den drittschlechtesten Platz. Das Risiko eines
ausländischen Kindes, eine Sonderschule L zu besuchen, ist im Saarland dreimal
so groß als das entsprechende Risiko eines deutschen Kindes (KMK-Statistik 171
2002/03).
Die GEW fordert eine Verringerung der Ausländerquote an Sonderschulen (L) bis
zum Jahr 2010 um die Hälfte. Hierzu sind entsprechende Fördermaßnahmen
insbesondere zur Sprachförderung in den allgemein bildenden Schulen und
flächendeckend im vorschulischen Bereich einzurichten.
Mehr individuelle Förderung im
Unterricht
Verbesserung der Schüler-Lehrer-Relation
Die PISA-Studie hat belegt, dass heterogene Lerngruppen und individuelle
Förderung im Unterricht hohe Leistungsergebnisse bringen. Die Zukunft der
Schule liegt im konstruktiven Umgang mit Unterschieden und Begabungen sowie in
offenen und integrierten Lernangeboten, die den unterschiedlichen Interessen
und Fähigkeiten der Schüler/innen gerecht werden.
Ein entscheidender Faktor für die Intensität der Betreuungs- und
Lernmöglichkeiten einzelner Schüler/innen im Schulsystem ist die
Schüler-Lehrer-Relation. Sie gilt als Maß der Ausstattung einer Schule mit
pädagogischem Personal.
Das Saarland liegt im Bereich der allgemein bildenden Schulen (Sek. I) beim
Vergleich der Bundesländer mit einer Größe von 17,9 Schüler/in pro Lehrer/in
auf dem letzten Rangplatz. Der Durchschnitt der Bundesländer liegt bei 16,6
Schüler/in pro Lehrer/in (KMK-Statistik, 2003).
Das heißt, die Betreuungssituation und damit auch die Möglichkeit des
individuellen Lernens und Förderns ist für die Schüler/innen im Saarland durch
eine unzureichende Personalausstattung der Schulen (Sek. I) bundesweit am
schlechtesten. Hinzu kommen übergroße Klassen im Saarland (bis zu 35
Schüler/innen). Im Ländervergleich der Klassengrößen belegt das Saarland bei
den Gymnasien und den Gesamtschulen den letzten bzw. vorletzten Rangplatz
(KMK-Dokumentation 171, 2003).
Die GEW fordert bis zum Jahre 2010 eine Verbesserung des Personalschlüssels
für die Schulen. Dazu ist eine Verbesserung der bisherigen
Schüler-Lehrer-Relation um rund 3 Schüler/innen vorzunehmen, so dass eine Zahl
von weniger als 15 Schüler/innen pro Lehrer/in erreicht wird. Ebenso ist eine
Absenkung der festgelegten Klassenteiler um mindestens 3 Schüler vorzunehmen,
damit die demographische Entwicklung für Qualitätsverbesserungen und nicht für
Schulschließungen genutzt werden kann.
Mehr Chancengleichheit und Qualität
Echte Ganztagsschulen fördern
Seit dem „PISA-Schock“ im Jahre 2000 hat die Diskussion um die Einführung der
Ganztagsschule eine neue Dynamik bekommen. Beschleunigt wurde sie zudem durch
die Forderung von Verbänden und Wirtschaftsvertretern nach einer besseren
Vereinbarung von Familie und Beruf. Im internationalen Vergleich der
Geburtenentwicklung und der Bildungsdaten liegt Deutschland nach wie vor weit
zurück. Die Bundesregierung hat mit dem 4 Milliarden „Investitionsprogramm
Zukunft, Bildung und Betreuung“ (IZBB) eine richtungsweisende Entscheidung
getroffen. Den Bundesländern werden je nach Schülerzahl bis zum Jahre 2007
Mittel zum Ausbau von Ganztagsschulen zur Verfügung gestellt. Das Saarland
erhält davon rund 50 Millionen Euro. Leider werden davon keine echten
Ganztagsschulen eingerichtet, sondern unter dem Titel „ Freiwillige
Ganztagsschule“ äußerst fragwürdige Betreuungsmodelle finanziert. Es fehlt die
konzeptionelle Verzahnung von Vor- und Nachmittag, es mangelt an pädagogischem
Fachpersonal, eine Rhythmisierung der Unterrichtszeit findet nicht statt. Die
Betreuung im Sinne von Versorgung hat Vorrang vor Bildung und Erziehung. Die
Nachfrage der Eltern nach diesem Schulmodell hält sich in Grenzen, zumal die
Nachmittagsbetreuung noch teuer bezahlt werden muss.
Im Saarland sind bis zum Jahre 2004 187 neue „Freiwillige Ganztagsschulen“
errichtet worden – statistisch gesehen ein großer Fortschritt (Quelle: BMBF
2005). Eingerechnet sind dabei aber auch Grundschulen, die nur bis 14.00 Uhr
geöffnet haben und weiter führende Schulen mit ganz kleinen Betreuungsgruppen
am Nachmittag. So wird beispielsweise ein Gymnasium mit mehr als 1000 Schülern
aber nur 10 Kindern in der Nachmittagsbetreuung als Ganztagsschule gezählt.
Die GEW bezeichnet dies als Etikettenschwindel.
Insgesamt gibt es im Saarland nur 5 echte Ganztagsschulen, die diesen Namen
auch verdienen
(4 Ganztagsgrundschulen und 1 Gesamtschule).
Die GEW fordert bis zum Jahr 2010 die Einrichtung eines flächendeckenden
Angebotes an Ganztagsschulen in verbindlicher Form. In jeder saarländischen
Gemeinde muss es bis dahin eine echte Ganztagsgrundschule und in jedem
Landkreis und im Stadtverband Saarbrücken mindestens eine Gesamtschule, eine
Erweiterte Realschule und ein Gymnasium in Ganztagsform geben. Diese
Ganztagsschulen sind öffentliche Schulen und für die Eltern gebührenfrei.
Mehr Geld für Bildung
Investitionsquote erhöhen
Qualitätsverbesserungen in der Bildung sind ohne zusätzliche Mittel zur
Verbesserung der Rahmenbedingungen und der Personalausstattung nicht zu haben.
Deshalb muss die Investitionsquote in die Bildung erhöht werden. Im
internationalen Vergleich investiert Deutschland lediglich 4,3 % des
Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus öffentlichen Mitteln in die Bildung und liegt
dort am Ende der Skala der OECD-Länder. Schweden und Dänemark investieren mehr
als 6 % des BIP in die Bildung (OECD – Education at a Glance 2004).
Das Saarland steht beim Vergleich der Bildungsausgaben der Länder für die
Schulen wieder einmal auf einem der letzten Rangplätze. Im Durchschnitt aller
Länder liegen die öffentlichen Ausgaben für den Schulbereich bei jährlich
4.600 Euro pro Schüler. Das Saarland hingegen investiert deutlich weniger in
die schulische Bildung und liegt mit 4.100 Euro an drittletzter Stelle im
Bundesländervergleich (Statistisches Bundesamt, 2002).
Die GEW fordert bis zum Jahr 2010 eine Anhebung der Bildungsausgaben des
Landes insgesamt. Im Schulbereich müssen die Investitionen mindestens dem
Bundesdurchschnitt angeglichen werden. Das bedeutet eine notwendige Steigerung
von 15 %.
Der gesamte Bildungsbereich von der frühkindlichen Bildung über die Schulen
bis zu den Hochschulen und zur Weiterbildung muss finanziell besser
ausgestattet werden. Dazu ist der derzeitige Haushaltsanteil des MBKW
(Bildungsausgaben) von rund 23 % am Gesamthaushalt auf 33 % zu erhöhen.
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